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Weltraumschrott als Waffe? Verkehrspolitik im All oder Weltraum-Kriegführung

"Picking up the pieces" ist das Motto der am heutigen Freitag beginnenden Sicherheitskonferenz in München. Am Vorabend war es gut anwendbar auf Weltraumschrott.

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Der gezielte Einsatz von Weltraummüll als Waffe gegen wichtige Kommunikationssatelliten des Gegners war eines der Szenarien, mit denen sich das diesjährige Townhall Meeting der Münchner Sicherheitskonferenz beschäftigte. Die große Mehrheit der Zuhörer im Bayerische Hof befürworteten dagegen, das All solle ein Raum der Wissenschaft bleiben.

Ursprünglich von den USA initiiert, lädt die Münchner Sicherheitskonferenz am Vorabend der eigentlichen Veranstaltung die Münchner Bürger abseits von den sonst meist geschlossenen Runden zum Gespräch. Dass es beim diesjährigen Dialog unter dem Titel "From Cold Wars to Star Wars", um die Militarisierung des Weltraums ging, ist ein Hinweis auf die deutlich abgekühlten internationalen Beziehungen. Das Motto der am Freitag Nachmittag offiziell eröffnenden 55. Münchner Sicherheitskonferenz heißt denn auch "Picking up the Pieces".

General Michel Friedling vom französischen Commandement Interarmées de l'Espace meinte zum reißerischen Star-Wars-Motto trocken, "das ist nur ein Film". Er konstatierte aber auch, Frankreichs Militär halte die Rüstung im All mit "zur Selbstverteidigung" geeigneten konventionellen Waffen als durchaus vereinbar mit internationalem Recht.

Aggressionen wie das Ansteuern eines französisch-italienischen Kommunikationssatelliten ließen solche Selbstverteidigungsstrategien notwendig erscheinen, sagte Friedling. Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly hatte im vergangenen Jahr Frankreichs Weltraum Aufrüstung angekündigt. Lediglich Massenvernichtungswaffen, etwa atomare Waffen, seien durch den Weltraumvertrag der Vereinten Nationen von 1967 gebannt, argumentierte Friedling. "Das sagen unsere Juristen und wir folgen ihnen darin."

Seit dem Weltraumvertrag über die friedliche Nutzung des Alls hat die Weltgemeinschaft sich keine neuen Regeln mehr fürs All gegeben. Laut Renata Dwan, Leiterin der Abrüstungsforschung bei den Vereinten Nationen, wäre das allerdings schon allein deshalb überfällig, weil der gemeinsam genutzte Raum mittlerweile so bevölkert ist. Eine russisch-chinesische Initiative plädiere aktuell für neue Verhandlungen über die friedliche Nutzung. Die europäischen Staaten schlagen vorerst nur gemeinsame "Richtlinien" vor. Friedling anerkannte, es sei sinnvoll zu regeln, wie nahe ein Satellit dem anderen kommen darf und ab wann eine Annäherung als Aggression aufgefasst werden muss.

Dabei hat der Weltraum eines gemein mit dem Cyberspace: "Attribution", die Klärung der Schuldfrage für Attacken, wird zunehmend schwieriger; insbesondere wenn Fragmente von vermeintlichem Weltraummüll als Munition zum Angriff auf "gegnerische" Satelliten genutzt werden.

Thomas Reiter, ehemaliger deutscher Astronaut und heute für die Interagency Koordination bei der European Space zuständig, meinte, vor allem bereite die "Vermüllung" des erdnahen Weltraums Unternehmen, Wissenschaftlern und Militärs erhebliches Kopfzerbrechen. Die ESA geht von insgesamt 170 Millionen Müllschnipseln aus, manche nur wenige Zentimeter, manche bis zu einem Meter groß. Müll auf Kollisionskurs zwinge die ESA alle vierzehn Tage zu Ausweichmanövern für ihre Satelliten.

Aktuell verkürzen solche Manöver die Lebenszeit der Satelliten. Zwar könnten Software-Updates und das "Nachtanken" künftig daran etwas ändern. Europa solle auch zusehen, künftig nicht mehr wie bisher auf US-Informationen für die Vorausberechnung von Kollisionen angewiesen zu sein. Die Gefahr von Zusammenstößen nehme nämlich wegen immer neuer Satellitensysteme weiter zu. Ausfälle von Satelliten würden mit zunehmender Abhängigkeit in Bereichen wie Navigation immer kritischer.

Das Thema Aufrüstung im All steht in den kommenden drei Tagen noch auf der Tagesordnung. Neben der offiziellen Sicherheitskonferenz, zu der auch Angela Merkel und eine große US-Delegation unter Trump-Vize Mike Pence anreist, versprechen die parallel stattfindende Münchner Friedenskonferenz sowie die Piraten-Sicherheitskonferenz andere Blicke auf Krieg und Frieden. (anw)