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Trotz Rekordjahr für die IT-Branche: Bitkom beklagt Fachkräftemangel und Rahmenbedingungen

81 Prozent der Unternehmen in der deutschen Hightech-Branche erwarten für 2014 ein Umsatzwachstum, nur neun Prozent rechnen mit weniger Geld in der Kasse. Vor allem der Fachkräftemängel und der politische Rahmen trüben den Ausblick.

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Man werde die Lücke bei den Fachkräften nicht ohne gezielte Zuwanderung schließen können, meinte Dieter Kempf, Chef des Branchenverbandes Bitkom (in der Mitte neben Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder (links) und Bitkom-Pressesprecher Andreas Streim (rechts))

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

Die Stimmung in der hiesigen Landschaft der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ist gut bis ausgezeichnet. 74 Prozent der zugehörigen Unternehmen konnten im ersten Halbjahr 2014 ein Umsatzplus erzielen, geht aus dem am Dienstag vom Hightech-Verband Bitkom veröffentlichten Branchenbarometer hervor. Für die restlichen sechs Monate erwarten sogar 81 Prozent der Befragten mehr Geschäft.

Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder sprach bei der Präsentation der Ergebnisse der Konjunkturmessung von einem "Spitzenwert". Der Umsatz werde in der gesamten Branche in diesem Jahr voraussichtlich um 1,7 Prozent auf 153,4 Milliarden Euro steigen, was einem Rekord gleichkomme. "Wir neigen aber nicht zur Euphorie", betonte Rohleder. Von einem "absoluten Höheflug" wollte er nichts wissen.

Auch wenn die Branche insgesamt gut dasteht, trüben doch einige Schnitzer die Statistik und den Ausblick. Mehr Umsatz erwarten vor allem Firmen in den Bereichen IT-Dienste und Software und so in zwei Domänen, in dem sich auch viele Mittelständler und Startups tummeln. Sorgenkinder sind aber der Hardware-Sektor sowie die Telekommunikationsdienstleistungen. Der Abverkauf von IT-Geräten laufe zwar nach wie vor sehr gut, "ein sehr scharfer Preiswettbewerb" trübe hier aber die Gewinne.

Ähnlich verhalte es sich im TK-Bereich, wo die Regulierung die Preise zusätzlich drücke, berichtete Rohleder. Bei Dienstleistungen rund ums Telefon werde ein Umsatzminus von 1,3 Prozent erwartet. Alles in allem fehlten den in diesem Sektor tätigen Unternehmen so zehn Milliarden Euro. Im Vergleich dazu stünden hier doppelt so hohe Investitionen in den Breitbandausbau. Insgesamt rechneten neun Prozent der Teilnehmer des Barometers mit einem Umsatzrückgang, während es 2009 noch 47 Prozent gewesen seien.

Auch bei den Beschäftigungszahlen soll es eine positive Entwicklung geben. 68 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sie 2014 zusätzliche Mitarbeiter einstellen werden. Auch das sei ein "All-Time-High", freute sich Rohleder. "Das macht uns ein bisschen stolz", da sich auf der politischen Waage vor allem die Beschäftigtenzahlen auswirkten. Durchschnittlich lege die Branche jedes Jahr um etwa 10.000 Arbeitsplätze zu und sei mittlerweile der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber deutlich vor der Automobilbranche. Nur der Maschinenbau liege weiter vorn.

Dabei hat jedes zweite Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen, bezeichnet die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern als behindernd oder sehr störend. Die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung habe die Karten zwar etwas zum Besseren gedreht, aber laut Rohleder "noch nicht dazu geführt, dass wir in Deutschland aus dem Vollen schöpfen könnten". Eine stärkere Werbung für den hiesigen Technologie-Standort sei daher nötig.

"Wir werden die Lücke vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen ohne gezielte Zuwanderung nicht schließen können", ergänzte Bitkom-Präsident Dieter Kempf. Dabei handle es sich um ein "Struktur- und kein Mengenproblem": aus der Vielzahl der Langzeitarbeitslosen "werden wir keine Fachkräfte für IKT gewinnen können".

28 Prozent der Befragten führen zudem die "politischen Rahmenbedingungen" als Hemmnis für die eigenen Geschäfte an. Die von der Bundesregierung angekündigte Digitale Agenda, die das Kabinett nach dem aktuellen Zeitplan Mitte August verabschieden will, erhält zwar mit einer Zustimmung von 78 Prozent enorme Vorschusslorbeeren. Schwerpunkte sollten demnach neben einer Bildungsoffensive die Themen Bildung, Vertrauen und Sicherheit, Innovationspolitik sowie der Breitbandausbau und das Vorantreiben intelligenter Netze sein. Mit der bisherigen Umsetzung der Digitalpolitik sind die Firmen aber weniger zufrieden.

Es dauere lange, bis der im Raum stehende Plan für die Netzpolitik in die Gänge komme, beklagte Kempf. Eine Umsetzung einschlägiger Vorgaben in den Behörden durch ein konzertiertes Vorgehen mit einzelnen Projektverantwortlichen würde den Prozess deutlich beschleunigen. Derzeit erblickten absurde Ideen etwa zum elektronischen Kirchensteuerabzug das Licht der Ämterwelt, die nur schwer wieder auszugleichen seien. Hier räche es sich auch, dass die Bundesregierung keinen Internetminister installiert habe.

Dass die Digitale Agenda häufig auf die Breitbandpolitik reduziert werde, liegt Kempf zufolge an der Griffigkeit des Themas. Die Branche wolle "am marktwirtschaftlichen Ausbau" festhalten, aber damit könne es etwas schwierig werden beim Erreichen des Ziels einer Verfügbarkeit von mindestens 50 MBit/s für alle Haushalte. "Alternative Modelle" seien daher unerlässlich. Viel sei auch noch aufzuholen, damit die Bundesrepublik "digitales Wachstumsland Nummer Eins" werden könne. In Europa stünden hier Skandinavien und Großbritannien noch deutlich besser da.

Kempf vermutete, dass das relativ gute Wachstum bei IT-Diensten und Cloud-Angeboten auch mit Aspekten wie besserer Sicherheit deutscher Anbieter zu tun haben könnte. Im Mittelstand sei der Drang zu den Rechnerwolken im Lichte der NSA-Affäre aber eher gedämpft. Insgesamt habe der Geheimdienstskandal wohl keine wesentlichen Einflüsse auf die Konjunktur. Es sei nicht aus den Augen zu verlieren, dass sich hier die zunehmende Cyberkriminalität allgemein negativer auswirken könne. (jk)