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Missing Link: Für eine bessere Welt – dezentrale Buchführung mit der Blockchain?

Die Blockchain als Ersatz für die doppelte Buchführung und den fairen Handel: Sinnvolle Möglichkeiten nach dem Hype um Krypto-Währungen.

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(Bild: Pushish Images / shutterstock.com)

Inhaltsverzeichnis

Mitten in der Renaissance beschrieb mathematisch versierte Franziskanermönch Luca Pacioli eine Buchführungsmethode, die die Welt erobern sollte. Die neue Form des Accountings sollte - im Zuge der allgemeinen Erleuchtung alles Irdischen – nicht nur transparent und nachvollziehbar sein, sondern höchsten moralischen Prinzipien genügen: Bilanzen sollten harmonisch sein, Soll und Haben sich ausgleichen. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe schrieb über die neue Methode: "Es ist eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder guter Haushalt sollte sie in seiner Wirtschaft einführen." Die venezianischen Kaufleute übernahmen Paciolis neue Methode und legten so den Grundstein für moderne Unternehmensführung und letztlich den Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Seitdem sind fünf Jahrhunderte ins Land gegangen, und die doppelte Buchführung ist zum Standard geworden. Zu einer transparenten Finanzwelt, gar einer harmonischen Wirtschaft hat sie allerdings nicht geführt. Insbesondere in der Finanzkrise 2008 wurde manifest, dass die Banken alles andere als saubere Bilanzen unterhielten – eine ganze Branche geriet gehörig in Misskredit und wurde mit öffentlichen Geldern "gerettet". Etwa zeitgleich wurde der Ruf nach einer erneuten Buchhaltungs-Revolution laut, um vielleicht im zweiten Anlauf die Ideale der Renaissance zu verwirklichen.

Der Kryptoanalytiker Ian Grigg propagierte die dreifache Buchführung: ein Eintrag auf der Soll-Seite, ein anderer für den Kredit und ein dritter in einem unveränderlichen, gemeinsames Log-Buch. Die Rede ist von der Blockchain. Zur Erinnerung: Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, deren Inhalte – als Blöcke zusammengefasst – auf einer Vielzahl von Rechner in einem Netzwerk gespeichert sind. Wird es diesmal gelingen, die Ideale der Aufklärung mittels der Blockchain zu verwirklichen?

Aber eins nach dem anderen. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen digitale Währungen, allen voran Bitcoin, im Vordergrund, die zugleich die häufigsten Anwendungsfälle der zugrundeliegenden Technologie sind. Die Bitcoin-Blase ist gerade geplatzt, und auch andere Währungen wie Ethereum haben zuletzt erheblich an Wert eingebüßt. Aber kein Grund zur Sorge. Prof. Heike Hoelzner, Blockchain-Expertin vom Sirius-Minds-Institut und Professorin für Entrepreneurship an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HWT) findet diese Korrektur überzogener Erwartungen durchaus positiv: "Auf der einen Seite sehen Endanwender abgesehen von Krypto-Währungen relativ wenig konkrete Anwendungen für das Technologiebündel Blockchain. Gleichzeitig lesen wir tagtäglich in der Presse von den großen gesellschaftlichen Potenzialen dieser Technologien. Dazwischen besteht zurzeit noch eine große Erklärungslücke." Sie ist jedoch zuversichtlich, dass bald der Weg frei wird für eine Phase sinnvoller Anwendungen jenseits von Nische und Hype. "Die Durchsetzung einer neuen Basistechnologie geschieht im Zusammenspiel von Infrastruktur und den auf ihr basierenden Anwendungen. Bitcoin & Co. haben ermöglicht, dass hinter den Kulissen nun an der Infrastruktur, immer häufiger auch als Web 3.0 bezeichnet, gebaut werden kann. So entsteht die technologische Grundlage für Anwendungen der Zukunft."

(Bild: spainter_vfx / shutterstock.com)

Die Professorin für Entrepreneurship an der HTW Berlin vergleicht die aktuelle Situation mit dem Platzen der DotCom-Blase Anfang des Jahrtausends, auch damals folgte auf den Hype eine Phase der Ernüchterung. Allerdings hatte diese auch zur Folge, dass Infrastrukturen wie Breitband-Internet und Mobilfunk-Technologien errichtet wurden und viel Geld und Aufmerksamkeit in eine Branche geflossen waren, die wiederum Grundlage für den späteren Siegeszug des digitalen Kapitalismus der Google & Co. sein sollte.

Noch ist für jegliche Transaktion in der digitalen Welt, z.B. eine Überweisung, eine Vermittlungsinstanz vonnöten, der beide vertrauen. Diese Intermediäre, z.B. Banken oder Kreditkartenunternehmen, legen die Regeln fest und organisieren die Abwicklung der Transaktionen. Bei der Blockchain wird dieser Zwischenhändler ersetzt durch einen auf einem Peer-to-Peer-Protokoll beruhenden dezentralen Kassenbuch, das wiederum auf einem "verteilten Konsens" beruht, sprich der Zustimmung der Beteiligten zum zugrundeliegenden Protokoll. Was das Internet für die freie und kostengünstige Übertragung und Verbreitung von Information ist, soll die Blockchain für die frei und kostengünstige Übertragung und Verbreitung von Vermögenswerten darstellen.

Die Erwartungen sind hoch, mit Hilfe der Blockchain soll die Macht der Banken und der großen Digitalkonzerne herausgefordert werden. In einem programmatischen Artikel aus dem MIT Technology Review schreiben die Autoren: "Das Bedürfnis nach Vertrauen und Zwischenhändlern ermöglicht es Giganten wie Google, Facebook und Amazon, Skaleneffekte und Netzwerkeffekte in faktische Monopole zu verwandeln." Die Blockchain wird hier zum Vehikel, um die Macht des Silicon Valley zu brechen, indem die Vermittler ausgebootet werden. Unter dem Titel "In Blockchain we trust", der das Motto der US-amerikanischen Dollarnoten ("In God we trust") abwandelt, ist in seiner fast schon religiösen Überzeugung durchaus ernst gemeint: In Zukunft sollen mathematische Regeln und angeblich unüberwindbare Verschlüsselungsverfahren auf der Grundlage frei zugänglicher Open-Source-Lösungen Integrität sichern, und damit das "Vertrauen auf fehlbare Menschen oder Institutionen ersetzen". Auch das Weltwirtschaftsforum ist euphorisch: in einem Bericht nennt die Stiftung 65 Anwendungsfälle der Blockchain zur Lösung von Menschheitsproblemen, angefangen bei Naturkatastrophen bis hin zum Klimawandel, und ist überzeugt: "die Technologie des verteilten Ledgers kann helfen, die Welt zu heilen."

Eine in Tech-Kreisen weit verbreitete Haltung kommt hier zum Ausdruck, die Technologien zutraut, rein auf Grund ihres Designs für gesellschaftliche Umwälzungen zu sorgen. Wie bei vielen andern Technologien, etwa rund um Peer-to-Peer, open source und nicht zuletzt dem Internet selbst mit seinen intrinsisch demokratischen Protokollen und seiner Dezentralität verspricht man sich von deren Verbreitung eine bessere Welt.

Skepsis ist also angebracht, zumal angesichts erheblicher Kinderkrankheiten, wie die notorisch hohe Rechenleistung, die zur Aufrechterhaltung mancher Blockchain-Netzwerke nötig ist. Für viele Anwendungen ist sie außerdem zu langsam und nur für kleine Datenmengen geeignet. Auch Rechtsrahmen und Datenschutzfragen sind weitgehend ungeklärt.