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Der Greta-Effekt: Junge vernetzte Aktivisten kämpfen für eine bessere Welt

Die 16-jährige Greta Thunberg ist Vorbild für eine junge Generation von Polit-Aktivisten. Über das Internet vernetzt findet sie weltweit viele Nachahmer.

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Neben der Klimaschutz-Ikone Greta stehen höchstens drei Dutzend Mitstreiter im Schnee von Stockholm. Die langen Mädchenzöpfe, die in Porträts so oft beschrieben wurden, sind unter einer doppelten Lage Wollmützen und einem Schal verborgen. Greta Thunberg, 16 Jahre alt und der aktuelle Star in einer Reihe junger Polit-Aktivisten, steht wieder vor dem Parlament.

Es ist Freitag – ihr Tag. Sie will erreichen, dass sich Schweden, besser noch die Politik weltweit, stärker einsetzt gegen das Aufheizen der Erde. Mit diesem Appell wurde sie zur UN-Klimakonferenz ins polnische Kattowitz (Katowice) und zum Weltwirtschaftsforum nach Davos in die Schweiz eingeladen.

Greta Thunberg auf der Weltklimakonferenz 2018 im polnischen Kattowitz.

(Bild: cop24.gov.pl (Ausschnitt))

Im August, nachdem der Dürre-Sommer auch ihr Land ächzen ließ, hatte sie losgelegt mit den Protesten. Inzwischen schwänzen nach ihrem Vorbild international Tausende Mädchen und Jungen die Schule und gehen bei Großdemos für die Umwelt auf die Straße. Die verbindenden Losungen lauten #FridaysForFuture (Freitage für die Zukunft) und #YouthForClimate (Jugend fürs Klima).

Gretas Aktion zwischen Reichstag und dem klotzförmigen Schloss der schwedischen Hauptstadt wirkt an diesem Wintertag eher mini. Besonders im Vergleich zu den Demos in anderen Ländern Europas. Selbst in deutschen Kleinstädten kommen inzwischen mehr junge Leute zu Schulstreiks fürs Klima zusammen als hier, wo alles anfing.

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum das gerade unter Jugendlichen in Belgien, Deutschland, Australien und Kanada so groß geworden ist", sagt die 16-Jährige, die kaum über 1,50 Meter groß ist. Sie spricht leise und sieht noch jünger aus, als sie ist. "In Schweden ist es nicht so groß geworden, das ist seltsam." Sie sieht es trotzdem positiv: "Am ersten Tag saß ich ganz alleine hier." Seit dem zweiten Tag seien schon ein paar Leute dazukommen. Aber in der Schule, sagt sie, wüssten die meisten vielleicht gar nicht, was sie da tue.

Greta Thunberg ist in weniger als einem halben Jahr zur Vorreiterin geworden. Doch von was eigentlich? Von einer neuen weltweiten Jugendbewegung? Sie gilt als europäisches Gesicht eines Aufbruchs ihrer Generation. Doch können die so angestoßenen Demonstrationen gar, wie Die Zeit andeutet, in eine "globale gesellschaftliche Bewegung" münden, die 2019 zum Wendepunkt fürs Klima macht? Fakt ist, dass verschiedene junge Menschen gerade sehr schnell zu politischen Symbolfiguren wurden. In den USA etwa erhob Emma González 2018 spektakulär ihre Stimme gegen Politiker und die einflussreiche Waffenlobby. Sie und andere junge Menschen initiierten nach dem Schulmassaker von Parkland (Florida) vom Februar Massenproteste.

Manche Jung-Aktivisten sind bereits weit gekommen: Die pakistanische Kinderrechtsvorkämpferin Malala Yousafzai erhielt schon mit 17 den Friedensnobelpreis. Heute, 21 Jahre alt, engagiert sie sich bei den Vereinten Nationen. Oder der Deutsche Felix Finkbeiner, ebenfalls 21 und bekannt für die Organisation Plant-for-the-Planet. Seit über zehn Jahren wirbt er dafür, Bäume für den Klimaschutz zu pflanzen. Auch er tourt im Namen der UN. Bei Fridays For Future wiederum gilt hierzulande Luisa Neubauer als eine der vordersten Aktivistinnen. "Es gibt eine politische Mobilisierung bei den jungen Menschen in den letzten Jahren, die ist bemerkenswert", stellt Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut in München fest. "Das haben eigene Studien und die Auswertungen der regelmäßig stattfindenden Allbus-Erhebungen ergeben, die alle zwei Jahre gemacht werden." Allerdings sei das wachsende Politik-Interesse auch bei Erwachsenen zu beobachten, sagt die Sozialforscherin. Der Trend gehe also in die gleiche Richtung.

"Auch früher haben junge Leute schon protestiert, etwa gegen neue Atomwaffen in Europa, Waldsterben oder AKWs", ordnet der Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, Professor Ulrich Reinhardt, 48, ein. "Natürlich spielt auch das Happening als solches für die junge Generation eine Rolle: Man ist mit anderen bei einer Aktion – und dieses ist für viele attraktiver, als zur Schule gehen", sagt er. "Nichtsdestotrotz haben wir jetzt eine Generation, die politisch interessierter ist als noch die Generation davor."

Ähnliches stellte die Autorin und Journalistin Susan Schädlich, 40, aus Frankfurt am Main fest. Bei Buchrecherchen zu "Fragen an Europa" sprach sie mit dem Nachwuchs. Es gehe heute längst nicht nur um Umweltthemen: "Als 2015/16 viele Flüchtende nach Europa und Deutschland kamen, haben junge Leute nicht nur mit diskutiert, viele haben auch mit angepackt. Die Wahl Donald Trumps in den USA Ende 2016 hat viele erschüttert", berichtet sie. Das Thema Brexit bewege Mädchen und Jungen ebenfalls: "Das betrifft pragmatische Fragen wie: Kann ich noch problemlos in Großbritannien studieren? Aber es geht auch ums Grundsätzliche: Der Brexit und die Frage, wie Europa mit flüchtenden Menschen umgeht, haben das Ding, das EU heißt, wieder in die Köpfe der jungen Leute zurückgebracht", meint sie.