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Atomkraft: Erneutes Fehlverhalten im Schweizer AKW Leibstadt

Im Atomkraftwerk Leibstadt nahe der deutschen Grenze ist es erneut zu einem Vorfall gekommen, der an der dortigen Sicherheitskultur zweifeln lassen kann.

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(Bild: kkl.ch)

Die Schweizer Atomaufsicht ENSI hat erneut einen Anlass gefunden, sich die Sicherheitsvorkehrungen im Atomkraftwerk Leibstadt besonders vorzuknöpfen. Nach dem aufgedeckten Betrug eines Mitarbeiters geht es diesmal um fehlerhafte Bedienung und einen nicht ausgelösten Alarm.

Als sich das AKW am 20. September 2018 in seiner Jahreshauptrevision befand, sei während des Stillstands der Wasserscheider ausgebaut und im speziell dafür vorhandenen Lagerbecken abgestellt worden, schildert das ENSI. Wegen einer fehlerhaften Bedienung einer Armatur für dieses Lagerbecken habe eine Dichtung teilweise versagt. Dadurch sei der Wasserspiegel im Wasserabscheider-Lagerbecken abgesunken und die Abschirmung der Strahlung sei abgeschwächt worden.

Es sei zu einer Erhöhung der Ortsdosisleistung gekommen, nämlich von 0,06 mSv/h auf 2 mSv/h. Dabei sei weder Aktivität in die Umgebung des AKW freigesetzt noch Dosisgrenzwerte für das beruflich strahlenexponierte Personal überschritten worden, beteuert das ENSI. Das AKW Leibstadt versichert, die erlaubten Grenzwerte seien jederzeit eingehalten worden.

Dieses Vorkommnis habe das ENSI der Stufe 1 auf der internationalen Ereignisskala INES zugeordnet, während das AKW Leibstadt es auf der Stufe 0 gesehen habe. Das ENSI stuft das Vorkommnis höher ein, weil mehrfach menschliche Fehler im gesamten Arbeitsprozess des AKW aufgetreten seien. Das AKW "ist von seinen eigenen betrieblichen Vorgaben und Standards abgewichen und hat die Qualitätssicherung seiner Arbeiten teilweise versäumt", schreibt das ENSI. Das bedeute, die Maßnahmen des AKW aus der Ursachenanalyse früherer menschlicher Fehler hätten keine Wirkung gezeigt.

Abgesehen von diesem Missstand muss das AKW nach Ansicht des ENSI auch prüfen, warum während des Vorfalls ein Dosisleistungsmessgerät kein akustisches Warnsignal von sich gegeben und welche Bedeutung das fehlende Signal für den Ablauf des Vorkommnisses hatte.

Anlass dafür, an der Sicherheitskultur im AKW Leibstadt zu zweifeln, hatte das ENSI jüngst Ende Januar, als bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des Atomkraftwerks Protokolle für die Prüfung von Dosimetern fingiert hatte. Das AKW nahe der deutschen Grenze bei Waldshut-Tiengen ist seit 1984 am Netz. Es ist eines von vier Reaktorblöcken, die vorerst in der Schweiz in Betrieb bleiben. (anw)