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IBMs KI Watson geht fremd

IBM hat seine KI-Engine Watson jetzt auch für andere Cloud-Plattformen verfügbar gemacht. Auch sonst marschiert Big Blue weiter Richtung Offenheit.

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(Bild: Harald Weiss)

IBM hat auf seiner diesjährigen Kundenveranstaltung "Think" in San Francisco eine Reihe an Neuheiten vorgestellt. Zusammenfassend lassen sich drei Schwerpunkte darin erkennen: Künstliche Intelligenz (KI), Multi-Cloud und Open Source. Im KI-Bereich gab es die interessanteste Meldung: So ist die KI-Plattform Watson jetzt auch aufanderen Cloud-Plattformen und ebenfalls On-Premise verfügbar. Dazu zählen insbesondere die Umgebungen der Erzkonkurrenten Microsoft (Azure) und Amazon (AWS).

Der neue Dienst besteht aus Watson Assistant und Watson OpenScale und ist mit IBMs Cloud Private for Data (ICP für Daten) integriert. Letzteres basiert auf den Open-Source-Techniken Kubernetes und Cloud Foundry, womit sich der Service überall dort einrichten lässt, wo diese Voraussetzungen gegeben sind. "Wir müssen KI dorthin bringen, wo die Daten sind", gab Bala Rajaraman, CTO von IBMs Cloud-Plattform, in einer Pressekonferenz als einen der Gründe für diese Öffnung an.

Diese Öffnung ist eine komplette Kehrtwende zu IBMs bisheriger Watson-Strategie, bei der das Unternehmen versucht hatte, mit KI proprietäre, monopolartige Strukturen aufzubauen. Noch vor zwei Jahren sagte Martin Schroeter, IBMs Vice President für das globale Marketing: "Watson ist unsere Technologie und unsere Technologie läuft nur auf unserer Cloud." Damit wollte man sich vor allem gegen Amazon und Microsoft durchsetzen.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Im Gegenteil: IBM ist beim Cloud-Marktanteil weiter hinter den beiden führenden Plattformen zurückgefallen. Allein der Anteil von Amazon ist gewaltig. So sagte AWS-Chef Andy Jassy im vorigen Dezember, dass deren Marktanteil inzwischen bei über 50 Prozent liegt. Das bedeutet, der AWS-Anteil ist größer als die Summe der Anteile aller anderen Anbietern.

Die diesjährige Think findet im Moscone Center in San Francisco statt

(Bild: Harald Weiss)

"IBM folgt damit den Anforderungen seiner Kunden, die nicht mehr in proprietäre Welten eingesperrt sein wollen", sagt Dan Kirsch, Managing Director bei der Consulting-Agentur Hurwitz & Associates. Nick Patience, Präsident der 451 Research Group, geht noch einen Schritt weiter: "Das ist ein klares Eingeständnis von IBM, dass Amazon, Microsoft und Google die Führung bei Cloud-basierter KI übernommen haben."

Doch vorerst sind noch nicht alle Watson-Services für die Fremdplattformen geplant, und parallel verbessert IBM die Watson-Leistung mit seinen eigenen Systemen. So gab es eine Ankündigung, wonach IBM eine neue Version des Machine-Learning-Accelerators herausbringen wird, der auf geclusterten GPU-Power-Systemen eine Performance-Verbesserung um den Faktor 46 gegenüber dem vergleichbaren Angebot von Google erreichen soll.

Aber nicht nur über die KI-Techniken wurde gesprochen – auch über die Nutzung dieser Methoden wurde viel diskutiert. Hierbei teilt IBM das Vorgehen bei der KI-Einführung in zwei Schritte ein. Der erste umfasst das Identifizieren geeigneter Use-Cases sowie das Einrichten entsprechender Entwicklungs- und Erprobungsszenarien. Der zweite Schritt ist dann die Übernahme dieser KI-Systeme in die Produktionsumgebungen.

Hierzu holte IBMs CEO Ginni Rometty in ihrer Keynote mehrere Anwender auf die Bühne, die über unterschiedliche KI-Anwendungsfälle und -Reifegrade in ihren Unternehmen berichteten. Greg Kalinsky, CIO der großen amerikanischen Versicherungsgesellschaft Geico, berichtete beispielsweise, dass man Watson schon seit geraumer Zeit als Telefonverkäufer im Einsatz habe. "Watson führt bei uns inzwischen komplette Verkaufsgespräche bis zum telefonischen Abschluss der Police durch – und zwar ohne, dass der Interessent, beziehungsweise Kunde es bemerkt", schwärmte er über den KI-Einsatz im Vertrieb.

Auf einem ähnlichen Gebiet musste IBMs KI-Technologie jedoch eine Schlappe hinnehmen. Bei einem Dialog zwischen einer realen Person und einem KI-Programm über ein Thema aus der Politik, erlitt die mit einer weiblichen Stimme ausgestattete KI-Software "Miss Debater" eine Niederlage. Eine knappe halbe Stunde diskutierten beide über die Finanzierungsmöglichkeiten von Vorschulen und Kindergärten. Danach hatte das Publikum zu entscheiden, wer sich besser geschlagen hatte. Und das Votum fiel eindeutig zugunsten der echten Person aus.

Der zweite Newsbereich der Veranstaltung betraf die Cloud-Angebote. IBM setzt jetzt eindeutig auf hybride " style="max-height:25px;max-width:25px;">und Multi-Cloud-Umgebungen und erweitert sein Angebot um 20 neuen End-zu-End-Services. Ein Beispiel für die Unterstützung von Multi-Cloud-Umgebungen ist die Kooperation mit Salesforce. "Wir sind der größte Salesforce-Implementierer, und Salesforce ist einer unser größten Watson-Anwender", sagte Rometty, als sie nach der Konkurrenz zu dem CRM-Anbieter gefragt wurde.

Doch der größte Teil von IBMs neuer Multi-Cloud-Strategie basiert auf den Red-Hat-Produkten. Hierzu führte Rometty in ihrer Keynote ein Gespräch mit Jim Whitehurst. "Als Open-Source-Provider sind wir es gewöhnt, verschiedene Technologien Business-gerecht aufzubereiten und zu betreuen", antwortete er auf die Frage nach dem speziellen Know-how von Red Hat. Er übertrug das dann auf andere Technologiefelder wie KI. "Viele dieser Algorithmen sind frei verfügbar und es gibt viel Open Source auf diesem Gebiet, doch der entscheidende Punkt ist die Anwendung dieser Systeme und Techniken in einem gegebenen Business-Case – und genau da setzen wir an", führte er weiter aus.

Jim Whitehust und Ginni Rometty im Gespräch

(Bild: Harald Weiss)

Darüber hinaus scheint IBM auch auf dem Gebiet der Blockchain zunehmend Fuß zu fassen. War es im vorigen Jahr ein Projekt mit dem Container- und Speditions-Dienst Maersk, so gab es diesmal eine Meldung aus Australien. Dort will IBM Ende März eine auf dem Hyperledger-Projekt der Linux Foundation basierte Blockchain freischalten. Das ist dann nach Tokio, London, Dallas, Sao Paulo und Toronto das sechste IBM-Zentrum, das diese Technologie anbietet.

Erster Kunde dafür soll ein Energieversorger sein, der ähnlich zu verschiedenen Anbietern in Europa die Blockchain für die komplexe Berechnung und Aufteilung von Stromeinspeisungen aufgrund privater Solaranlagen nutzt. Parallel dazu meldete die kanadische Tochtergesellschaft vonBoehringer Ingelheim, dass man IBMs Blockchain im Toronto-Rechenzentrum zur Evaluierung im Bereich von Arzneimittel-Entwicklung und -Erprobung testen will. (Harald Weiss) / (ane)